ein Kommentar von Hans-Peter Zastrow

Stellen Sie sich vor: Dichter Nebel auf der A26. Im Auto-Radio ertönt die Warnung: „Achtung! Geisterfahrer auf der A26 aus Richtung Stade!“ Schon wieder! Schon wieder fahren Stader gegen den Strom.

 

Es sind die Geisterfahrer der Energiepolitik: Denn Stade will genau das, was sonst keiner mehr haben mag: ein Kohlekraftwerk. Vor Jahren genehmigte die Kommune DOW Chemical den Bau eines neuen Kohlekraftwerkes auf ihrem Gelände. Eine Klage gegen DOW wies das OVG Lüneburg kürzlich ab.

Ich bin viele Jahre naiv davon ausgegangen, dass der Staat, angefangen bei der Kommune in der ich lebe, unsere Staatsdiener und die gewählten Volksvertreter allesamt unser Gemeinwohl im Auge haben.

So steht es jedenfalls in ihren Amtseiden. Doch in Stade läuft es anders: Kommunal-Vertreter nehmen billigend in Kauf, dass die Gesundheit der Bürger belastet wird. Welche Rolle spielen die gewählten Volksvertreter und Staatsdiener wirklich? Wessen Interessen vertreten sie? Warum fahren sie stur weiter gegen den Rest der Welt? 

Merken sie denn nicht, dass sie heute alleine stehen? 52 namhafte deutsche Unternehmen haben sich gemeinsam mit B.A.U.M., Stiftung 2 und Germanwatch dem Klimaschutz verschrieben und ihn zur „zentralen Aufgabe“ gemacht. Sie fordern „zukunftssichere Investitionen“ und Anreize für nachhaltige Innovation. Ob Energie- oder Verkehrswende, die Zukunftsstrategien sollen zugleich Arbeitsplätze erhalten und die Gesundheit der Bürger schützen. Der Mensch soll mehr sein als nur billiger Arbeits-Sklave und Umsatzträger – mehr als nur eine Schachfigur für die Mächtigen!

Die Unternehmer sind nicht alleine: Niedersachsen hat sich 2017 das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis 2050 vollständig auf erneuerbare Energie-Quellen umzusteigen! Auf Landes-Ebene hat man erkannt, dass ein neues Zeitalter von Wirtschaft und Konsum ohne Kohle ansteht! Die Umweltverbände stehen hier hinter der Landesregierung.

Große und kleine Kommunen (München, Mexico, Delhi) engagieren sich, um weit über die eigenen Grenzen hinaus Emissionen fossiler Brennstoffe zu senken. Der Handlungsspielraum ist riesengroß, zumal es viele indirekte Wirkungen gibt, die eine Stadt beeinflussen kann! Warum ist Stade nicht dabei?

Die Nationen Europas – auch Deutschland - haben sich auf eine freiwillige Reduzierung der Treibhaus-Emissionen um 40 Prozent von 1990 bis 2020 verständigt. Der aktuelle Zwischenstand aber liegt je nach Berechnung bei rund 30 Prozent. Peinlich: gerade die angeblichen Vorreiter riskieren, ihr Ziel zu verfehlen.  Doch eine Lösung ist in Sicht: die  Abschaltung der 20 dreckigsten Braunkohle-Kraftwerke bis ca. 2030 wäre ein Riesenschritt.

Seit der Rio-Konferenz 1992 werden regelmäßig Welt-Klima-Konferenzen (COP) zur Bewahrung des Weltklimas abgehalten. Sie sollen die Erwärmung der Atmosphäre auf höchstens zwei Grad Celsius bremsen. Das Pariser Klima-Abkommen 2015 wurde von fast allen Nationen der Welt unterzeichnet. Darin wird deutlich auf den Ausstieg aus fossilen Rohstoffen hingewiesen. „De-Carbonisierung“ von Wirtschaft und Verbrauch nennt man das. Nur sie kann die Grundlagen unserer Existenz erhalten. Schon heute kommen die Schweiz, Norwegen und Island komplett ohne Kohle-Kraftwerke aus.

Nun vergesse ich keineswegs die Interessen der DOW. Natürlich braucht ein Unternehmen Investitions-Sicherheit und Rendite. Doch auch hier fällt der Stader Kohlenmeiler aus der Zeit. Bis heute findet sich niemand, der bereit ist, Geld für das KKW zu investieren.

Stattdessen empfehle ich eine nachhaltige und zukunftsfähige Strategie, die auf einen Paradigmen-Wechsel setzt. Umwelt-verträgliche Produktion gesunder Produkte ist vereinbar mit dem Erhalt der Natur, der Existenz-Grundlage des Menschen - und der Unternehmen. Das nennt man heutzutage eine win-win Situation: jeder gewinnt.

Ich bin deshalb erstaunt: Was lässt DOW und Stade gegen ihr wahres Interesse handeln? Sind die Auswirkungen vor der eigenen Tür egal?Wann wollen die Geisterfahrer endlich erkennen, dass es Zeit ist umzudrehen?

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