Windkraft bläst Zank ins Dorf 

von Walter Tauber

Windpark Deinste

Während der Rat in Stade die Kohlekraft durchwinkt, wehren sich Bürger in einem Dorf gegen Windräder. Verkehrte Welt? Verquere Energiewende? Sind wir nicht alle für saubere Energie? Es scheint, als wäre der Aufbruch in eine überlebensfähige Zukunft ins Stocken geraten. Dabei wurde Deutschland doch zum weltweiten Vorbild dank konsequenter Politik zugunsten erneuerbarer Energiequellen. Das deutsche Wort Energiewende gehört in den USA schon zum normalen Sprachgebrauch, etwa so wie Kindergarten. Die „große Politik“ hat aber ihre Goldmedaille längst willfährig abgegeben. Das bedarf gründlicher Untersuchung. Hier geht es uns zunächst um einen Blick ins Lokale. Wie kann das Absurde wahr sein?

Dabei geht uns nicht darum, Schuldige zu suchen. Es geht um Ursachenforschung. Warum gab es in Deinste Zwist, wo Einigkeit herrschen sollte? Und was hätte man besser machen können? Der Traum von der erneuerbaren Energie in Bürgerhand ist zu wichtig, um den Weg dazu nicht peinlich genau zu untersuchen.

Deinste ist ein wunderbares Dorf. Gerade mal 1200 Einwohner, etwa gleich viel wie der verbrüderte Ortsteil Helmste. Überschaubar. Man kennt sich. Man redet miteinander, zieht am selben Strang. Wie sich das eigentlich gehört im Dorf. Eigentlich.

Deinste kann stolz sein auf seine lange Geschichte. Hügelgräber bezeugen frühe Besiedlung und erste Formen des Namens wurden vor über 1000 Jahren aufgezeichnet. Siedlung des Dago hieß das Dorf damals. Und Dago soll für ”glücklicher Tag” stehen. Immer noch glücklich?

Deinste ist ideal gelegen: Im nu ist man in Stade, wo es doch alles gibt. Und wem das nicht genügt, gelangt in einer Stunde in die Metropole Hamburg. Ein Kleinbahnmuseum und der hübsch restaurierte Bahnhof des Moorexpress locken Touristen an. Die schauen dann gerne in die Hofläden oder spielen Golf in der Deinster Mühle. Im seit 1972 angeschlossenen Ortsteil Helmste zeugt der Heimatverein von lebendigem sozialen Umgang. Und im Boomgarden setzt Eckart Brandt seinen über drei Jahrzehnten währenden Kampf für den Erhalt von alten Obstbaumsorten fort.

Helmste verbrüdert mit Deinste? Ein Misston stört die Harmonie dieser Melodie. Einige Bürger haben Angst. Nicht physisch, nein, Gewalt gibt es hier nicht. Dennoch scheut sich mancher davor, zu reden. “Einmal das Maul aufgemacht, und schon bist du im Dorf durchgefallen,” klagt ein Bürger. Schließlich sollen ja “Sachen” passiert sein. Es gibt konkrete Beispiele. Aber namentlich dazu stehen? “Ach nee, lassen wir das lieber.” Ist das Recht auf freie Meinungsäusserung hier in der Geest bedroht? Erleidet wirtschaftlichen Nachteil, wer nicht mitschwimmt?

Das Ärgernis, über das man hier nicht reden mag, ist nicht zu übersehen, auch wenn es als Ursache für Zank nicht gleich erkennbar sein mag. Auf den Äckern zwischen den beiden Dorfteilen steht ein gewaltiges Kraftwerk. Nein, nicht so eins mit rauchenden Schloten, wie jenes, mit dem der US-Konzern DOW unbedingt die Luft des Landkreises verpesten will. Hier wird mit Windrädern einwandfreie Energie produziert, bis zu 100 Millionen Kilowattstunden im Jahr. Eigentlich eine saubere Sache. Eigentlich?

Wie kann es sein, dass die Produktion von Ökostrom, den wir doch alle fordern, der die Welt vor dem CO2-Kollaps retten soll, für Streit und Missgunst sorgt? Wie kann etwas Gutes plötzlich zum bösen Feind mutieren? Das ist die Kernfrage, die uns nach Deinste führte.

Fragen vor Antworten 

Wir bringen dazu keine vorgefertigte Meinung. Kein Argument soll uns zu abwegig sein, um nicht rational erwogen zu werden. Aber zu einem Grundsatz stehen wir: Erneuerbare Energie ist notwendig, sie ist Bedingung für das Überleben der Menschheit.

Natürlich könnte man sagen, der Streit in Deinste sei Wurscht. Kleinkrieg im Dorf? Na und? Unzufriedene gibt es immer. Oder geht es ums Prinzip? Bitte, kein Michael Kohlhaas. Muss aber Prinzip immer Sturheit bedeuten? Ist es nicht eine gesellschaftliche Frage, wer Strom produzieren darf und soll? Oder sogar eine ethische? Ist Wirtschaftlichkeit – sprich: Gewinn – das höchste Kriterium, dem alles andere untergeordnet werden muss? Und wenn nicht, wie ginge es anders?

Dies ist letztendlich die zentrale Frage, die uns beschäftigen soll: was hätte man tun sollen, und was könnte man noch tun, um im Dorf Akzeptanz zu schaffen für ein Projekt der Vernunft? Da müssen wir etwas ausholen.

Die Entdeckung des Geschäftes 

Es fing an mit “windigen Gestalten” erinnert sich Hartmut Cordes (Video) in Helmste. “Da sind Handelsvertreter übers Land gefahren und haben den Landwirten das Blaue vom Himmel versprochen.” Das muss so gegen 1995 angefangen haben. Heute betreibt der Landwirt “rundherum Ackerbau, ein bisschen Grünland, Getreide und Mais.“ Bauer ist er also nur noch „rundherum“. Zentral ist die Ernte von Wind. Mitten auf dem Acker stehen die gewaltigen Windmühlen, an denen er „mit einer sechsstelligen Zahl, mehr will ich nicht sagen“ beteiligt ist.

Ohne Zweifel brauchte es Mut, unternehmerische Risikobereitschaft, um in ein Geschäft mit Wind einzusteigen. „Für mich war Prämisse, da ich Flächen da drin habe, dass ich mit Pachteinnahmen das abbezahlen könnte, wenn es schief geht,“ erklärt Cordes. „Ich habe der Sparkasse gesagt, wie viel ich an Pacht kriege und gefragt, wie viel Kredit kriege ich dafür?“ Muss man solche Weitsicht nicht bewundern? Bürokraten und Industrie bestimmen heute die Landwirtschaft. Die Natur, die Tier- und Pflanzenwelt, erlebt der Bauer nur noch mittelbar durch Vertreter von Chemie- und Saatgut-Monopolisten oder Großmolkereien. Er steckt in einem Laufrad. Der Schritt von Landwirt zu Energie-Produzent ist nicht groß.

Hartmut Cordes ergriff die Chance, als ein lokaler Unternehmer vorschlug, „das doch selber zu machen.“ Die Verträge mit den ersten Vertretern waren inzwischen abgelaufen. „Da kam die Überlegung, ob nicht ein paar Euro mehr rauszuholen wären als Landeigentümer,“ erinnert sich Cordes. „Wir haben also verschiedene Angebote eingeholt.“ Und dann kam die Idee von Hans Jürgen Werner (Video), Großunternehmer vom Spargelhof Werner in Deinste: „Er hat die Eigentümer gefragt, wer bereit wäre, das Risiko einzugehen... von 45 Grundstückseigentümern haben sich damals 16 bereit erklärt, finanzielles Risiko einzugehen.“

Jetzt kommen wir in eine Schlüsselphase zum Verständnis der Abläufe. Damals galt noch eine Verordnung, die Windräder auf maximal 100 Meter Gesamthöhe beschränkte. „Im Binnenland muss man in die Höhe,“ weiß Cordes. „Unten ist der Wind durch die Wälder sehr stark abgebrochen.“ Dass sich die Investition heute so gelohnt hat, rechnet der Landwirt dem Werner hoch an. „Ich kenne einige Windparks in der Gegend die .... nicht so ernten, wie man kann.... Unser war der erste, der über 100 Meter gegangen ist, das hat der Werner durchgedrückt... das heisst hinbekommen.“

„Das war meine erste politische Handlung,“ bestätigt Hans-Jürgen Werner eine Stunde später im modernen Bürotrakt des Spargelhofes. „Anlagen, die nur 100 Meter hoch sind waren wirtschaftlich zum Scheitern verurteilt, weil die Windmenge einfach nicht ausreicht.“ Es gelang dem Unternehmer tatsächlich, den Kreistag zu überzeugen: Im Regionalen Raumordnungsprogramm von 2002 wurde die wenig sinnvolle Höhenbeschränkung gestrichen. Werners Projekt konnte starten.

Zusammenarbeit mit Mitbürgern, vor allem mit anderen Landeigentümern, war im Sinne der damals noch jungen Energiewende. „Die große politische Idee dabei ist, dass nicht jeder eine einzelne Windmühle hinstellt, sondern dass man sie zusammenfasst zu Parks, um keinen Wildwuchs zu haben,“ meint Werner. Diese einleuchtende Massnahme hatte aber zwei Folgen. Wer in Parks denkt, bevorzugt in erster Linie größere Projekte. Die Frage, ob dies der damals rasch aufkeimenden Begeisterung für „Energie in Bürgerhand“ einen Dämpfer aufsetzen könnte, wird uns noch beschäftigen. Wie auch die Frage, ob die behördlich genehmigte Ausweisung der für Windkraft geeigneten Flächen Dörfer und ihre Bürger nicht erpressbar gemacht hat gegenüber Energie-Unternehmen und einer oft allzu Industrie-freundlichen Verwaltung.

Aber erst einmal zurück zur „Deinste-Helmste Wind GmbH & Co. KG“ unter dem Vorsitz von Hans Jürgen Werner: „Wir haben 14 E66/70 gebaut mit einer Nennleistung von 1,8MW. Zusammen sind das 25,2 Megawatt.“ Die von Enercon, dem größten deutschen Hersteller mit Sitz im ostfriesischen Aurich, hergestellten Turbinen haben eine Gesamthöhe von 135 Metern. Damit können sie Gewinne einfahren, obwohl sie noch weit entfernt sind von einer theoretisch möglichen Vollast. „Man erntet hier nie voll,“ erklärt Werner, sondern vielleicht ein Viertel oder ein Drittel, je nachdem wie der Wind weht. Wir haben so 2000 Vollast Stunden im Jahr.“ Das Jahr aber hat insgesamt 8760 Stunden. Bessere Standorte, etwa in der Nordsee oder an der Westküste von Schleswig-Holstein, kommen auf den doppelten Ertrag von Deinste. Und trotzdem ist es auch hier rentabel.

Vor allem nach den neuen Investitionen. „Vor zwei Jahren wurden zwei E82 mit einer Nabenhöhe von 138 Metern und einer Flügellänge von 41 Metern in den Altpark gebaut,“ so Werner, „ und im letzten Jahr haben wir nochmal erweitert Richtung Süden mit sechs E 101 von 135 Metern Nabenhöhe und 50,50 Metern Flügellänge, eine Gesamthöhe von 185,50 Metern.“ Und so wird der Park immer effizienter. „Die 14, die wir 2003 und 2004 gebaut haben produzieren genauso viel Energie wie die sechs, die wir im letzen Jahr gebaut haben,“ rechnet Werner vor, „nämlich 45 Millionen Kilowattstunden. Daran kann man den technischen Fortschritt erkennen.“

Die Begeisterung des Unternehmers über seine Zahlen ist begreiflich. Für die Probleme im Dorf, für die Einsprüche, die sein Projekt über Jahre verzögert haben, hat er aber wenig Verständnis. „Schall ist sicherlich ein Thema. Das ist ein Grosskraftwerk... und das geht nicht ohne Emissionen,“ gesteht Werner gerne ein. „Aber dazu gibt es Gutachten. Was wir dürfen halten wir ein.“ Anders sieht er den in seinen Augen verbissenen Widerstand von Naturschützern. „Da ging es um Neid und Missgunst.“ Und auch: „Im Naturschutz gibt es etwas Willkür in der Verwaltung.“

So einfach ist das aber nicht.

Der Widerstand 

Die rein technischen Aspekte sind leichtverständlich. Es geht vor allem um den Lärm und um den sogenannten Schattenschlag, den ein Windrad verursacht. Juristisch ist das weitgehend geklärt. Anwalt Cornelius van Lessen (Video), der Deinster Naturschützer in ihrer Klage gegen den Windpark vertrat, übergibt mir den über 300 Seiten dicken Band Windenergieanlagen in der Verwaltungs- und Gerichtspraxis von Stephan Gatz. Da steht alles drin, was man wissen muss.

„Dies ist auf der einen Seite ein komplexer Bereich, auf der anderen ein sehr nachvollziehbarer,“ meint van Lessen. „Die Politik fasst Grundsatzbeschlüsse...oft wird aber vergessen, dass Windenergie Anlagen sogenannte privilegierte Bauvorhaben sind. Sie können überall errichtet und betrieben werden.“ Dieses „überall“ wird eingeschränkt durch Abstandsregelungen. „Die sind allgemein verbindlich,“ versichert van Lessen, „800 Meter zu Siedlungen, 600 zu Splittersiedlungen und Einzelhöfen... das ist alles im Regionalen Raumordnungsprogramm des Landkreises Stade niedergelegt, und zwar auf Seiten 57 und 58.“

Die Klage der Naturschützer von Deinste-Helmste hat das Gericht abgewiesen. „Ein Kläger, der sich beeinträchtigt fühlt durch eine Windanlage kann keine naturschützlichen Belange geltend machen,“ erklärt van Lessen. Es sei „eine Frage der Genehmigungsbehörde, solange Lärm, Abstände und Schatten nicht unzumutbar beeinträchtigen.“

Ob das Gesetz die Natur genügend gegen Übergriffe der Industrie verteidigt ist eine Frage, die den Rahmen dieser Reportage sprengt. Soll man wirtschaftliche Entwicklung bremsen wegen einer seltenen Pflanze oder eines vom Aussterben bedrohten Vogels? Geschäftsleute spotten allzu gerne über Naturschützer, tun sie ab als Hemmschuh gegen Fortschritt und Entwicklung. Dass wir in einem Zeitalter des Massensterbens von Spezies leben, das noch ungeahnte Folgen für unsere Zukunft auf diesem Planeten haben wird und den Fortschritt grundsätzlich zur Debatte stellt, wollen sie partout nicht einsehen.

Hier müssen wir uns auf die Auswirkungen der Windräder auf die Bewohner beschränken. Lärm und Schattenschlag können viele Menschen belästigen. Doch in wie weit ist eine solche Störung messbar? Es geht nicht nur um Schalldruckpegel und Dezibel, also um physikalische Größen. Reaktionen auf Lärm sind extrem subjektiv. An Hauptstrassen und Eisenbahnlinien ist der Lärmpegel jedenfalls um ein vielfaches höher als in der Nähe von Windparks. Die Anwohner haben sich meist daran gewöhnt oder damit abgefunden. Laut dem Bayerischen Landesamt für Umwelt sind über 50% der in Deutschland registrierten akustischen Belästigungen wegen Straßenverkehr – und ganze 40 Prozent klagen über die Nachbarn! Wer oder was Lärm verursacht und warum ist offenbar ebenso wichtig wie Messwerte.

„Je mehr das knattert, umso mehr Geld verdiene ich,“ erklärte etwa ein zufriedener Landwirt aus Otterndorf dem Vorsitzenden des Kutenholzer Bürgerparks, Hans Herrmann Stelling (Video). Denn er ist beteiligt am Windrad, das direkt neben seinem Haus steht. Und auch SPD-Politikerin Petra Thiemann vertraute Stelling an: „Ich hätte nie gedacht, dass wir so wenig belästigt werden.“

Kleinreden darf man die Klagen allerdings nicht. „Ich mache mir Sorgen darüber, wie der Infraschall die Gesundheit meiner Kinder beeinträchtigen kann,“ so eine Bürgerin von Helmste. „Und über den Wertverlust unseres Hauses.“ Damit trifft sie den Kern des Problems. Weit mehr als um reale physikalische Effekte geht es den meisten Windpark-Gegnern von Deinste um das Gefühl, Verluste zu erfahren ohne, im Gegenzug, irgendwelche Beteiligung am Gewinn. „Wir fühlen uns hintergangen,“ klagt der eine. „Wir wurden überfahren“ stöhnt ein anderer, „die haben das einfach durchgezogen“. Und eine dritte Bürgerin: „Werner hat es verkauft als Bürgerpark. Aber Teilhaber sind gerade 16 von 2000 Bürgern. Wenige bereichern sich auf Kosten vieler.“

So sieht das auch Helmut Klintworth (Video), Vorsitzender der seit 2011 im Rat vertretenen Freien Wählergemeinschaft. „Geld verdienen ist verständlich, aber nicht um jeden Preis... was hier fehlt ist reelle Transparenz.“ Sogar die Grünen in der Samtgemeinde Fredenbeck widersetzten sich dem Windpark von Deinste. „Wir haben immer gesagt, wir sind für Windkraft,“ versichert Sprecher Wolfgang Weh (Video), „aber sie muss gemeinsam mit den Leuten beraten und beschlossen werden.“

Die engstirnige Auffassung, Windkraft sei vor allem ein Geschäftsmodell, ein Mittel, um gut Geld zu verdienen ohne Rücksicht auf die Gesellschaft, ist offenbar das Hauptproblem. Warum soll ein Investor über die legalen Rahmenbedingungen hinaus gehen? Gewiss macht auch Hans Jürgen Werner Lippenbekenntnisse zur Bürgerenergie: „Die Dezentralisierung ist das große Stichwort,“ versichert er, dadurch hat man alles in der Hand der Bürger. Da, wo der Strom produziert wird, wird er auch verbraucht.“ Doch das ist bloß Theorie. In der Praxis wird zum Nutzen eines kleinen Kreises von Investoren produziert. Gewiss spendet der Windpark großzügig an lokale Vereine. Doch Wohltätigkeit kann nie soziale Gerechtigkeit oder Mitbestimmung ersetzen.

Der Widerstand gegen den Windpark von Deinste war keineswegs „aus Prinzip“. Er setzte vor allem gegen den Ausbau ein. „Das war nicht richtig, wie das politisch durchgezogen wurde,“ versichert Wolfgang Weh. Und Betreiber Werner stöhnt noch heute über die langwierigen Verfahren, die ihm die Gegner einbrockten: „Die Genehmigungsphase beim ersten Park hat ungefähr zwei bis zweienhalb Jahre gedauert. Im zweiten Park hat es sechs Jahre gedauert.“ Die zwei neuen, höheren Anlagen, die in den ersten Windpark hineingebaut wurden, wurden als Repowering verkauft. Im bereits erwähnten Handbuch von Stephan Gatz steht aber: „Der Begriff des Repowering bezeichnet schlagwortartig den Ersatz vorhandener, älterer Windenergieanlagen durch neue Anlagen, die aufgrund des zwischenzeitlichen technologischen Fortschritts über eine deutlich höhere Leistung verfügen“ (op.cit s. 293, Abschnitt 496).

Ersatz hätte bedeuten müssen: Rückbau von zwei älteren Anlagen. Das haben die Behörden offenbar anders gesehen. „Da gibt es eine politische Grauzone,“ klagen Bürger von Helmste. Und auch Helmut Klintworth glaubt, „dass alles von oben nach unten diktiert wird. Die eigentliche Demokratie, die unten an der Basis anfängt, wird gar nicht nach oben getragen.“ Praktisch heißt das: „Wenn wir in der Gemeinde was machen wollen, sind wir gewissen Richtlinien verpflichtet, was ja auch in Ordnung ist. Aber dass das heißt: da kommt um jeden Preis ein Windpark hin ...wir sind dem Investor verpflichtet... darüber bin ich manchmal sehr enttäuscht.“

Legal ist wenig zu machen. „Die Genehmigungsbehörde ist nicht die Gemeinde,“ erklärt Anwalt van Lessen, „es ist der Landkreis. Und so lange die Abstände eingehalten werden, ist alles legal.“ Andererseits gibt es sehr wohl in Niedersachsen eine Praxis, die van Lessen für „eine der korruptesten Vorschriften “ hält: Auch jene, die von einer Investition direkt profitieren, dürfen im Rat darüber mitbestimmen. Bei den Jahrzehnte lang herrschenden konservativen Mehrheiten in den Räten, hat das, zusammen mit einem in Stade besonders Industrie-freundlichen Landkreis, zum Eindruck geführt, dass Projekte oft nur „durchgewinkt“ werden.

„Unterstellungen von Bürgern, die Verwaltung würde Investoren bevorzugt behandeln, haben keine Substanz,“ versichert Kreisbaurat Hans-Hermann Bode. „Bevorzugung oder Benachteiligung sind gar nicht möglich. Die Verwaltung prüft Anträge auf Zulässigkeit. Und wenn sie zulässig sind, dann gibt es einen Rechtsanspruch.“ Vielen Bürgern ist nicht klar, dass Windparks „privilegierte Bauvorhaben“ sind. Und was die expansive Politik der Planungsbehörden lokal für Folgen haben kann, dringt auch erst dann ins Bewusstsein der Bürger, wenn es zu spät ist. Tatsächlich haben Investoren einen Rechtsanspruch, wenn ein Gebiet als windhöfig ausgewiesen ist. „Dann kann man den Landkreis verklagen, wenn ein Windrad nicht bewilligt wird,“ meint auch Peter Wortmann aus Oldendorf, Mitbegründer der Bürger Energie Osteland, die in Brobergen ein Windrad als Bürgerwindpark betreibt. „Die Vorgabe des Planungsamts ist aber nicht falsch.“ Schließlich hat sich die Gesellschaft mit der Energiewende hohe Ziele gesteckt.

Kritiker glauben dennoch, dass sich der Landkreis in vorauseilendem Gehorsam allzu gerne der Belange der Investoren widmet. In Essel etwa hat sich das gesamte Dorf gegen den Windpark ausgesprochen. „Die gewählten Politiker vor Ort haben einstimmig gesagt: wir wollen das nicht, und trotzdem sind wir erpresst worden,“ erinnert sich Wolfgang Weh, der sich damals im Rat der Samtgemeinde Fredenbeck beschwerte.

So wird der Investor und nicht die Gesellschaft zum Motor einer Energiewende, die sich immer mehr von den Idealen der ersten Jahre entfernt. Vor Jahren schon schlug Wolfgang Weh dem Fredenbecker Rat vor, ein Windrad zu bauen, um Stromkosten der Gemeinde zu bezahlen. „Die Kläranlage alleine hat damals 40'000 DM im Jahr an Strom verbraucht.“ Die fest im Sattel sitzende CDU-Mehrheit winkte ab: „Das bringt nichts, das überlassen wir denen, die damit Geld verdienen wollen.“ So wird privater Gewinn höher gewertet als öffentliche Ersparnis. Kein Wunder, dass sich die Bürger übergangen fühlen.

Ähnliches erlebte Helmut Klintworth in Deinste. „Man hat uns den ersten Windpark als Bürgerpark verkauft. Aber wenn es dann 16 oder 18 Kommanditisten sind, dann ist das kein Bürgerpark, sondern ein elitärer Windpark.“ Und angesichts des Widerstands gegen Werners Ausbau-Projekte, fragt er sich: „Warum können wir als Samtgemeinde nicht an der Erweiterung des Windparks partizipieren.“ Angeblich um Investitionen von „Bayerischen Zahnärzten“ zu vermeiden, gründete Werner die zweite Windpark-Gesellschaft mit einem geschlossenen Kreis aus alt-Investoren und deren Kinder.

Die Ursache für die Probleme sieht Klintworth in den Ursprüngen der Energiewende. „Warum hat man nicht gesagt, wir müssen die Kommunen, denen es nicht immer gut geht, an den Windparks beteiligen?“ Der Ausbau von Werners Windpark wäre für Klintworth „eine Chance gewesen, die Infrastruktur aufrecht zu erhalten... aber es wurde nie durchgeprüft, ob das möglich ist... Und im Nachhinein stellen wir fest, es ist sehr wohl möglich, sich zu beteiligen. Da fehlt mir von der großen Politik die Ordnung, dass da in erster Linie die Allgemeinheit von profitieren muss.“

Klintworth hat sich längst mir dem Windpark abgefunden. Er ist bewilligt worden und legal. Aber das Grundübel hat der Lokalpolitiker erkannt. Für wen soll die Energiewende vorangetrieben werden, für den Bürger, den Konsumenten, oder für die Investoren? Aber auch ein zweites, trauriges Fazit muss er ziehen: „Zu 90% ist der Bürger selber schuld.“ Umfragen ergaben eine starke Opposition zum neuen Windpark. „Aber in den entscheidenden Sitzungen sind die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, dann nicht da.“

Alternativen 

Dass es anders geht als mit einem elitären Geschäft kann man nur wenige Kilometer von Deinste in Kutenholz erfahren. Dabei ist der Ansatz im Grunde nicht anders als der von Werner: „Ich habe immer gesagt, ein gesunder Profit soll dabei sein,“ versichert Hans Herrmann Stelling, Leiter des Bürgerwindparks. So wie Werner in Deinste, gründete er eine GmbH & Co. KG. Doch die Umsetzung unterscheidet sich wesentlich. „Es haben sich etwa 50 Leute gefunden, die sich am Windpark beteiligt haben mit Einlagen von 5000 bis 300'000 Euro,“ erklärt Stelling. “Das waren ganz verschiedene Leute: Bauer, Handwerker, Arzt oder Apotheker, es ging quer durch alle Berufsgruppen.“ Diese breite Streuung, ohne dominierende Anteilseigner, war wichtig für die Akzeptanz im Dorf. Und die Tatsache, dass die Abstandsregelung mit 1000 Metern freiwillig weit überschritten wurde. „Über die Lampen zur Flugsicherung wurde anfangs noch diskutiert,“ erinnert sich Stelling, „das sei wie Discobeleuchtung. Jetzt redet keiner mehr darüber.“

In Kutenholz arbeitet Stelling eng mit dem Hersteller der Windräder zusammen. Der Bürgerwindpark besitzt vier der insgesamt 20 Räder, die je zwei Millionen Euro gekostet haben. „Ich kümmere mich hier vor Ort um alle 20 Anlagen,“ erklärt Stelling. Die Wartung übernimmt Enercon. Stelling erläutert die Zusammenarbeit: „Die Anlagen haben je nach Standort verschiedene Windeinströmung. In einem Park schalten sich die Anlagen gegenseitig ab. Wir haben mit Enercon vereinbart, dass wir in einem Pool produzieren und 4/20 von den Erträgen bekommen. So gibt's keine Probleme mit guten und schlechten Standorten.“

Auch in Kutenholz laufen die Räder nur rund 2000 Stunden im Jahr mit Vollast. Trotzdem ist der Gewinn beträchtlich. Für Anleger hat es sich gelohnt, die Anlagen waren in nur 12 Jahren abbezahlt. „Und nach 20 Jahren werden sie eine Ausschüttung haben von über 300%,“ rechnet Stelling vor. „Deshalb sind die Leute hier auch nicht böse.“

Was dann geschieht ist noch unsicher. Nach 20 Jahren läuft der Vorzugspreis laut Energie Einspeise Gesetz (EEG) von neun Cent pro Kw/h aus. Der Preis der Kilowattstunde auf dem freien Markt liegt zurzeit bei 2,5 bis drei Cent. „Nach den heutigen Bedingungen werden wir 2023 abschalten oder repowern müssen.“ Ohne Förderpreis produzieren ist in Zukunft aber durchaus möglich bei der ständig steigenden Effizienz der Windkraftanlagen.

Eine andere Struktur aber ähnliche Ziele hat die Genossenschaft Bürger Energie Osteland. „Rund 130 Bürger haben sich mit Einlagen ab 300 Euro für ein Anteil an der Genossenschaft beteiligt,“ erklärt Peter Wortmann. Bis zu 6000 Euro konnte jeder so investieren. Dazu kamen Anleihen zu einem festem Zinssatz. Ein Einzelner konnte maximal 26'000 Euro investieren. Die Genossenschaft war offen für alle, aber die Gründer haben darauf geachtet, dass sie lokal gut verankert sein würde:„Zuerst haben wir die Kranenburger und Broberger eingeladen,“ so Wortmann, „dann kamen Oldendorf und Himmelpforten dazu. Schließlich fanden sich auch ein paar Mitglieder von außerhalb.“

So wie in Kutenholz kooperiert der Bürgerpark auch mit kommerziellen Betreibern benachbarter Windparks. Und um die Unterstützung der Bauern zu sichern, wurde für die Pacht das in Schleswig Holstein erfundene „Flächenpacht Modell“ angewendet. Nicht nur derjenige, auf dessen Grund das Windrad steht, erhält Pacht. Auch die Nachbarn werden anteilig ausbezahlt, für Nachteile wie Wege, Kabel oder Transformatoren. Vor allem aber auch als Ausgleich für den Standortvorteil: denn als windhöfig ausgewiesen ist eine große Fläche auf der nur ein Grundstück für den Bau ausgesucht wird.

Mit allen Betroffenen verhandeln, Zusammenarbeit fördern und vor allem den Profit verteilen – das scheint das Geheimnis für einen erfolgreichen und sozial verträglichen Windpark zu sein. Aber Vorteile für das Gemeinwohl? So, wie das Wolfgang Weh in Fredenbeck eins forderte und sich das Helmut Klintworth in Deinste wünschte? Das scheint im Landkreis Stade noch eine offene Frage zu sein.

Denn Spenden genügen nicht. Gemeindesteuern des Windparks in Deinste waren gewiss nicht gering, als er in die Gewinnzone kam. Doch doch dann folgte eine Expansion nach der anderen. Immer neue Investitionen bringen immer neue Abschreibungen. Wie viele Steuern und wann bezahlt werden dürfen die Dorfbewohner nicht wissen. „Die Dorfväter wollen nicht, dass man veröffentlicht, wie viel Gewerbesteuer sie einnehmen,“ sagt auch Hans Hermann Stelling in Kutenholz. Warum versteht er auch nicht. „Ich sag das jetzt mal eben: wir haben im letzten Jahr 400'000 Euro Gewerbesteuer bezahlt.“

Solche Einnahmen sind wichtig für ländliche Kommunen. Es ist verständlich, dass Lokalpolitiker mehr Transparenz fordern. Ein Modell, bei dem privater Profit obenan steht mag für die Herstellung und den Verkauf von Konsumgütern gut funktionieren. Kann es aber auch für Energie gelten? Sollte bei der Energie nicht mehr an das Gemeinwohl gedacht werden. Müßte man nicht die Energie - wie auch die Wasserversorgung - in einer modernen Gesellschaft als Menschenrecht ansehen?

Die Politik hat erkannt, dass Handlungsbedarf besteht und das Gesetz renoviert. Es sollen mehr Bürgerfirmen die Windparks betreiben. Und tatsächlich haben solche Gesellschaften bei der Ausschreibung im vergangenen Jahr den Zuschlag für 90 Prozent der neuen Windparks erhalten. Aber genügt das? Einige Bürgerparks sind möglicherweise nur Tarnkappen von kommerziellen Betreibern. „Der Gesetzgeber hat die Kriterien für Bürgerenergie zu unscharf gefasst,“ meint Georg Schroth vom Bundesverband Windenergie. Und ob das neue Gesetz den Vorstellungen von Weh oder Klintworth für eine direkte Beteiligung von Kommunen entsprechen kann ist keineswegs klar.

Der Weg zur Akzeptanz ist im Grunde nicht schwer. Das Geld besser verteilen ist nur der erste Schritt, so grundlegend wie der Dialog über die Auswirkungen auf die Gemeinschaft. Bürger, Kommunen und Industrie sollten harmonisch und transparent als gleichberechtigte Akteure zusammenarbeiten.

„Mein Ausgangspunkt sind nicht die erneuerbaren Energien, sondern die Gesellschaft,“ schreibt Hermann Scheer in seinem wegweisenden Buch Der energethische Imperativ (2012). „Der Wechsel zu erneuerbaren Energien hat eine zivilisationsgeschichtliche Bedeutung.“

Energie verkaufen ist nicht dasselbe wie Schokoriegel vertreiben. Es geht um weit mehr als nur um die Verteilung von Profit. Das Gesetz über erneuerbare Energien baute, so Erhard Eppler in seinem Vorwort zu Scheers Buch, „auf die Kommunen, die rasch begreifen, dass der Umstieg auf erneuerbare Energien ihnen endlich eine Chance bietet, sich aus der Abhängigkeit von den Konzernen zu lösen.“ Dieses Ziel aber scheint noch in weiter Ferne zu liegen. Die weltberühmte deutsche Energiewende droht zu einer Mogelpackung zu verkommen.

Nun gibt es in Deinste keine Bösewichte. Es gibt hier keinen Großkonzern wie DOW, der weltweit durch ethisch fragwürdiges Verhalten auffällt. In Deinste und anderswo, wo Konflikte entstehen um Ziele, die im Grunde von allen erwünscht sind, geht es um engstirnige wirtschaftliche Logik und um das Versagen der Politik. Eine echte Energiewende braucht gesellschaftliche Umwandlung, Dezentralität und die wachsende Beteiligung der Bürger. 

 

„Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Windmühlen, die anderen Mauern.“(Chinesisches Sprichwort)

 

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