Jetzt oder nie!

„Das Problem mit engstirnigen Köpfen ist, dass sie immer den Mund auf haben.“ (Plakat an einer Demo).

Ein Kommentar von Walter Tauber

climate change 2254711 1920Als ich Kind war antwortete ich auf die Frage meiner verärgerten Mutter „wer hat das getan?“ meist naiv und feige: „Ich nicht, meine Schwester auch!“ Ich war damals fünf oder sechs Jahre alt, und ich denke, meine Schwester hat mir seither verziehen.

 

Unverzeihbar ist diese Haltung in der Politik. Was Politiker uns gegenwärtig vorführen ist eine Flucht vor der Verantwortung, ein Versteckspiel, bei dem die andern zuerst dran kommen sollen, während man selber weiterhin nichts tut. „Man kann sich nicht darauf beschränken, die Emissionen in Deutschland abzuschaffen,“ proklamieret etwa FDP-Chef Christian Lindner, „das sind weltweit nämlich nur zwei Prozent.“ (https://www.ksta.de/politik/schueler-streiten-mit-lindner--meinen-sie-ernsthaft--wir-schlagen-falschen-alarm---32398854)

Wir nicht, die anderen auch. Durch Lindners stupide Bemerkung über „die Profis“ sind die Liberalen ganz besonders unter Beschuss geraten*. Zurecht. Denn sie verkörpern in reinster Form eine Haltung, die immer mehr Bürger in Rage versetzt. Die Politik schwätzt, und schwätzt, und schwätzt. Und die Jugend, die um ihre Zukunft bangt und etwas tun will, wird in die Schranken der Schulpflicht gewiesen. Einige Schulbehörden drohen mit Bußgeld.

Dabei sagen Christian Lindner und seine liberalen Glaubensbrüder durchaus auch Richtiges:

„Wir müssen moderne Technologie anbieten, die wir exportieren können, um einen globalen Schadstoffanstieg zu verhindern“ meint etwa Lindner. Und seine Mitstreiterin Katja Suding: „Politik hat die Ziele festzulegen“.

Klingt gut, reicht aber nicht. Denn erstens sind wirkliche Ziele kaum zu erkennen. Immer nur wie Suding das Mantra „Paris“ herunter zu leiern ist kein Ziel (Sechs! Setzen!). Denn wenn es mal konkrete Ziele gibt, etwa in der Energiewende, dann werden sie von der Politik untergraben. Die Windkraft-Produktion wird „gedeckelt“ während die heimische Photovoltaik längst zu Grabe getragen wurde. Und zweitens möchte ich von einem marktgläubigen Liberalen gerne wissen, was er unter „Technologie anbieten“ versteht. Ach ja, er erklärt es im selben Atemzug: exportieren! Das heisst für Geld. Handel, noch mehr Exportwahn.

Es geht doch um weit mehr als um Kleinkrämerei! Wer das Heil alleine in der Wirtschaft sieht, hat den ernst der Lage nicht erkannt. Dass Deutschland seit einigen Jahren seinen CO2-Ausstoß verringert, ist lobenswert. Dass dies alleine nichts bringt, stimmt auch. Denn weltweit wird heute 80 Prozent mehr Kohle verbrannt als zur Jahrtausendwende. Und dies obwohl die Preise für Solarenergie im selben Zeitraum um ebensoviel gesunken sind.

Was geht uns das an? Die andern sollen nun voran gehen, wir haben unseren Anteil getan. Wir nicht, die andern auch. Das ist Stammtischniveau. Das ist heute das Niveau der Politik.

Aber wie steht es mit der Technologie, die uns retten soll? Die Leier der unbeweglich in Amt und Würden sitzenden lautet so: „Ich sehe nicht, dass wir technologisch schon so weit sind, um noch mehr Klimaschutz zu machen,“ versichert Katja Suding bei Markus Lanz im ZDF.  „Wir haben noch nicht den synthetischen Kraftstoff, wir sind gerade dabei, zu erfahren, wie CO2 gespeichert werden kann ... wir stehen erst am Anfang.“

Wer so vor Ort herumtrippelt, nachdem der Startschuss abgefeuert wurde, bringt es auf der Rennbahn nicht weit. Solche Aussagen sind Ablenkungsmanöver. Denn es geht den Gläubigen der Kirche „Das Geschäft über alles“ nur darum, Technologien zu entwickeln, die man verkaufen kann, die man mit Gewinn in die Welt exportieren kann. Doch der Markt kann nicht das Grundprinzip unserer Gesellschaft sein. ZDF-Moderator Lanz fasste für die Kopf schüttelnde Katja Suding schön zusammen, was die Schüler von Fridays for Future, die Älteren von Parents for Future und die Wissenschaftler von Scientists for Future seit einem Jahr unablässig wiederholen: „Klimawandel ist ein längst gelöstes Problem. Die Technologien sind alle da, wir müssen sie nur nehmen und umsetzen.“

Julia Oepen bei LanzDie Dringlichkeit betonte Julia Oepen von Fridays for Future in Hamburg, mit ihrem Schlusswort klipp und klar: „Jetzt oder nie!“

Wir können nicht warten, bis „die andern“ etwas unternehmen. Wir haben die Verantwortung, zusammen mit diesen andern die vorhandenen Lösungen umzusetzen. Dabei geht es nicht darum, einfach Geld hin und her zu schieben (Zertifikathandel). Es geht darum, die neuen Technologien möglichst schnell einzusetzen. Wir (die sogenannte „westliche Welt“) haben das zerstörerische Modell der zügellosen industriellen Wachstumsgesellschaft geschaffen. Wir haben durch die Entdeckung der vermeintlich unendlichen Kräfte fossiler Brennstoffe die Welt unterworfen. Wir haben allen Kulturen dieser Welt ein Modell verschwenderischen Konsums aufgezwungen. Und das alles im Namen der Freiheit. Durch Sklaverei und Eroberungskriege hatten wir uns die Welt schon untertan gemacht, bevor das Erdöl die Entwicklung schmierte und um ein vielfaches beschleunigte. Als wir dann zivilisierter, menschlicher wurden, änderte sich wenig. Wir wurden einfach schlauer und merkten, dass man die Menschen auch ohne Sklaverei oder Diktatur (sei die nun rot oder blau) hörig machen kann.

Ich schaue heute meinen noch nicht lange erwachsenen Kindern zu, wie sie versuchen, sich ein Leben aufzubauen in einer Welt mit zweifelhafter Zukunft. Und ich denke dabei daran, wie meine Generation es ganz schön versemmelt hat.

Unsere Lage erinnert mich an den Film Thelma and Louise. Zwei Frauen, deren abenteuerliche Eskapade durch Männergewalt zum Horrortrip wird, fahren bewußt mit Vollgas auf einen Abgrund zu. Abschied von der Welt. Die Welt, in Form eines wunderschönen Canyon, bleibt.

Heute sitzen wir alle in einem riesigen Bus und rasen mit fest geklemmtem Gaspedal auf den Abgrund zu. Die Mechaniker haben längst erkannt, wo das Problem liegt. Doch die Fahrer sitzen fett und bequem auf dem Sessel und wollen partout nicht aus dem Weg. Das Lenkrad hergeben? Dann lieber in den Abgrund fahren.

Verantwortung übernehmen würde heißen, die Umfragewerte für die nächsten Wahlen einfach mal vergessen. Und vor allem auch die „schwarze Null“, diese perfideste aller Dummheiten. Verantwortung wäre, sich bewußt und zielgerecht mit der Lage der Welt befassen. Der ganzen Welt. Und mit der Frage, was können wir JETZT tun? Und was müssen wir JETZT ändern. Im ohrenbetäubenden Geschwätz unserer medialen Gesellschaft, lasst uns doch auf die jungen Stimmen hören, die noch alles vor sich haben.

*  Lindner auf Twitter: Von Kindern und Jugendlichen kann man aber nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis. CL — Christian Lindner (@c_lindner) 10. März 2019

Anhang: Fundgrube im Netz: alle Zitate und Links, die hier verwendet wurden.